Kurzbiografie Filmografie Gedenkrede zum 90. Geburtstag

Karin Evans, Schauspielerin


Eine Wohnung voll mit Erinnerungen

Schauspielerin Karin Evans lebt seit 53 Jahren in der Künstlerkolonie
von Falko Hennig
Berliner Morgenpost vom 3./4. Oktober 1998
Fotos: Berliner Morgenpost


Karin Evans ist am 1. Juli 2004 verstorben,
lesen Sie dazu die Gedenkrede vom 14. Juli 2004.
Karin Evans 1998
Karin Evans 1998
Eine elegante ältere Dame öffnet uns die Tür: 70 Jahre mag sie sein, aber auch Ende 60 würde man ihr noch glauben. Doch die frühere Schauspielerin hat schon ihren 90. Geburtstag gefeiert. Wie frisch sie noch ist, kann sie sogar mit einem Kopfstand demonstrieren. Karin Evans macht Tee statt Kaffee, ihr Vater war Brite. Sie hat Kuchen gebacken, lacht und erzählt mit ihrer ausdrucksvollen Stimme wie eine Frau in den besten Jahren.

Karin Evans Kopfstand Die große Tilla Durieux hat einst über sie gesagt: "Sie ist eine begabte Schauspielerin, aber sie hat nicht alle Tassen im Schrank." Erste Erfolge feierte die in Südafrika Geborene im Stummfilm, später wurde sie eine anerkannte Bühnendarstellerin, hat im "Jedermann" in Salzburg gespielt, im "Faust" und im Wintermärchen". Das letzte Mal stand sie vor 31 Jahren in "Lügner und Nonne" im Renaissance-Theater auf der Bühne. Danach ging sie freiwillig in den Ruhestand. Eine Entscheidung, die die heutige Pendlerin zwischen Berlin und Italien nie bereut hat.

Karin Evans' geräumige Wohnung gehört zur Wilmersdorfer Künstlerkolonie (Küko), wo auch Klaus Kinski zeitweilig Quartier bezogen hat. Das Wohnviertel am Ludwig-Barney-Platz hatte die Berufsgenossenschaft deutscher Bühnenangehöriger (GDBA) in den 20er Jahren erbaut, später übernahm es die Gehag, die es 1996 an die Frankfurter VEBA Immobilien AG verkaufte. Karin Evans und ihr Mann, der Maler Wolf Hoffmann, zogen 1946 hier ein. Ihre schöne Atelierwohnung in der Kurfürstenstraße war ausgebombt, danach hatte das Paar im Heim des Kritikers Friedrich Luft Zuflucht gefunden.

Als das Ehepaar Evans-Hoffmann die Wohnung in der Laubenheimer Straße bezog, konnte man den Himmel sehen, ohne ans Fenster gehen zu müssen. Eine Luftmine hatte eine Ecke vom dritten Stockwerk bis zur Decke aufgerissen. Auch sämtliche Fenster und eine Wand fehlten. Durch ihre britische Verwandtschaft bekam Karin Evans Fensterscheiben für die Küko-Wohnung stückweise zugesandt, die fehlende Wand dagegen kam dem Maler Hoffmann gerade recht, ließ sich doch der so entstandene große Raum als Atelier nutzen.

Fast jeder Gegenstand bei Karin Evans hat eine Geschichte, das Sofa und die Sessel, die sie damals auf der Straße fand, die Lampe, die ein Freund gebastelt hat. Diese Lampe ist von zeitlosem Design. Schwer zu glauben, daß sie schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gefertigt wurde, selbst in einem modernen Geschäft würde sie nicht veraltet wirken. Hier hängt sie an einem Lampenhalter, der vor dem Krieg einen Eisenladen schmückte.

In allen Zimmern hängen Bilder und Grafiken ihres vor 19 Jahren nach einem Autounfall verstorbenen Mannes Wolf Hoffmann, der zwanzig Jahre lang als Professor an der HdK (heute UdK) tätig war, an den Wänden. Vieles ist auch in Regalen und in langer Reihe auf dem Boden gestapelt. Es sind circa 40 Bilder und 200 Grafikmappen. Karin Evans möchte die Bilder gern verkaufen - und die schönsten doch behalten. Das Berlin Museum wollte sie als Stiftung nehmen. Doch dann würden sie verschwinden und höchstens zu Sonderausstellungen einzeln und für ihre Begriffe viel zu selten gezeigt werden. Am liebsten wäre es Frau Evans, wenn jemand den ganzen Nachlaß übernehmen würde, aber ihr selber die Bilder an den Wänden noch ließe.

Die Gegenstände und ihre Geschichten: Die interessanteste ist die von ihrem Bett. William, ein Redakteur der vor dem Krieg renommierten Zeitschrift "Der Querschnitt", hatte sich in die junge Schauspielerin verliebt und wollte sie mit Geschenken überchütten. Doch er konnte bei ihr nicht landen, außerdem wollte sie, altmodisch wie sie war, "nur Vergängliches" und meinte Blumen. Jedoch stachelte diese Einschränkung nur den Erfindungsreichtum des Verehrers an.

So kamen Karin Evans und ihre Freundin "Luluchen", die damalige Frau von Curd Jürgens, einmal von der Ostsee nach Hause zurück, und durch das Zimmer war ein Seil mit geräuchertem Fisch gezogen. Vom Balkon im fünften Stock blinkte Licht, und er war dicht mit Ostseesand bedeckt. An der Brüstung eine Projektion vom Meer mit Portraits von Karin und Lulu, dazu ein blinkender Leuchtturm, einen halben Meter groß.

Auch eine "singende Klorolle" sollte so "nicht Vergängliches" sein und schließlich ein ganzes Renaissance-Schlafzimmer, das er "nur unterstellen" wollte.

Der sächsische Jude mußte emigrieren, das Ehepaar Hoffmann-Evans konnte später das Bett nach Werder auslagern, doch ging dabei der Baldachin mit den gedrehten Säulen verloren. Sonst nicht ernsthaft beschädigt, kam es in die neue Wohnung in der Küko. Dort spürte es der Verehrer nach dem Krieg wieder auf. Er kam in einem Jeep, in amerikanischer Uniform und mit einem Cowboyhut auf dem Kopf. Doch das Bett blieb, wo es heute noch steht.

Stolz ist Frau Evans auch auf den Miesbacher Schrank, den sie auf einem bayerischen Bauernhof fand. Der Bauer benutzte ihn, um Hühnerfutter darin aufzubewahren, doch konnte Karin Evans ihn überreden, den Schrank gegen einen anderen einzutauschen.

Der Tee ist längst alle, es ist dunkel geworden. Ein Nachmittag ist viel zu kurz für ein so langes Leben, für so viele Gegenstände und ihre Geschichten. Wir verabschieden uns von Karin Evans.

90 Jahre alt, wir wollen es immer noch nicht glauben.

© Berliner Morgenpost


Karin Evans ist am 12. Juli 2004 verstorben, lesen Sie dazu die Gedenkrede vom 14. Juli 2004.
Gehe zu: Bewohner | KünstlerKolonie | Kultur-Netz

Programmierung und Design: © Kultur-Netz-Service




































Sie sind Besucher