Kurzbiografie Filmografie Gedenkrede zum 90. Geburtstag
Karin Evans
Foto: UdK Berlin, FB Darstellende Kunst
Absolventen der ehem. Max-Reinhardt-Schule
im Archiv der KünstlerKolonie Berlin eV

Karin Evans, Schauspielerin

lebte seit 1945 bis zu ihrem Tod am 1. Juli 2004 in der Künstlerkolonie


Gedenkrede für Vittoria Karin Wichgraf Hoffmann Evans

von Dietrich Jacob, gehalten am 14. Juli 2004
Abdruck mit freundlicher Genehmigung durch Sabine von Sydow

Lieber Herr Hoffmann,
lieber Herr Prof. Evans,
liebe Freunde und Mittrauernde!

Wir haben uns zusammengefunden um Abschied zu nehmen von Vittoria Karin Wichgraf Hoffmann-Evans. Auch wenn es für sie und uns nur eine Karin gab, so hat sie schon Wert gelegt auf diesen vollen Namen, den sie auch auf ihren Grabstein gesetzt wissen wollte. Vitoria Karin Wichgraf - das verbreitet nicht nur eine Aura von Stolz, sondern darin steckte zugleich ein Anspruch, den es einzulösen galt. Was aber war alles zu bewältigen für ein junges Mädchen, um zu einer Karin Evans zu werden.

Im Jahre 1907 in Johannesburg geboren, verbrachte sie die ersten Jahre ihrer Kindheit mit ihren Eltern in Südafrika und fand dann ihren Weg über England nach Berlin. Durch ihren Vater besaß sie die englische Staatsbürgerschaft; ihre deutschen Wurzeln entstammten der angesehenen und über Generationen in Potsdam ansässig gewesenen mütterlichen Wichgraf-Familie. Ihre frühe Jugend war vom Ersten Weltkrieg und den mit seinem Ende einhergehenden gesellschaftlichen Umbrüchen und wirtschaftlichen Turbulenzen geprägt. Welcher Mut und welches Selbstvertrauen gehörten dazu, sich damals für einen künstlerischen Beruf zu entscheiden. Es war dies etwa um die Zeit als Karin gerade erst einmal 16 Jahre alt war. Sie hatte - und das merkte jeder ihr an - das Theater von der Pike auf gelernt. Die Prononcietät ihrer Sprache, ihr leichter, graziler, fast fliegender Gang, ihre Gestik - kein Zweifel: sie war eine von denen, die durch die große und harte Schule Max Reinhardts gegangen waren und die nie in ihrem Leben diese Prägung mehr verloren hatten. Max Reinhardt war es auch, der sie in ihrem künstlerischen Werdegang entscheidend gefördert hat.

Von 1924 bis 1973 war sie an den verschiedensten Berliner Bühnen engagiert, so am Deutschen Theater, an der Komödie, an der Tribüne, am Schloßpark- und am Renaissance-Theater, wo sie am 25. Dezember 1973 ihren letzten Auftritt hatte.

Tourneen führten sie auch in andere Städte Deutschlands, auch nach Wien und Salzburg. Nicht zu vergessen sind aber auch die zahlreichen Rollen, die sie in Filmen innehatte und die ihren Namen in ganz Deutschland bekannt machten. Von den Filmen, in denen sie Charakterrollen hatte, seien nur einige genannt:

  • "Der Kampf des Donald Westhof" (1927)
  • "Der Boykott" (1930)
  • "Die letzte Kompanie" (aus dem gleichen Jahr)
  • "Das Konzert" (1931)
  • "Pygmalion" (1935)
  • "Aus erster Ehe" (1940)
  • "Ich klage an" (1941)
  • "Straßenbekanntschaft" (1948)
  • "Affaire Blum" (1948)
  • "So ein Affentheater" (1953)
  • "Das ideale Brautpaar" (1954) und
  • "Fanny Hill" im Jahre 1964.

    Im Jahre 1931 heiratete sie den Maler und späteren Professor an der Hochschule der bildenden Künste, Wolf Hoffmann. Ihre künstlerische Karriere wurde aber dadurch, wie auch durch die spätere Geburt ihrer Kinder, nicht unterbrochen. Sie war, im Gegenteil, für die Familie bald von besonderer Wichtigkeit. Denn ihr Mann, der bis 1934 ein gemeinsames Atelier mit Max Pechstein und Graf Luckener in der Kurfürstenstraße hatte, erhielt im Jahre 1935 ein die ganze NS-Zeit überdauerndes Ausstellungsverbot, da seine Kunst als "entartet" bewertet wurde. So mußte Karin von da an bis 1945 fast ausschließlich allein für den Unterhalt der Familie sorgen.

    Drei schwere Schicksalsschläge haben sie zutiefst getroffen: Es waren dies zunächst Ihre Erkrankung, lieber Herr Robin Hoffmann; dann der frühe Tod ihres erstgeborenen Sohnes Christopher und schließlich im Jahre 1979 der Unglückstod ihres Mannes Wolf Hoffmann. Sie hat an diesen Schicksalsschlägen zeit ihres Lebens schwer getragen, aber sie hat, und das zeichnet ihren Lebensmut aus, sich davon nicht zerbrechen lassen. Es ist keine Frage, daß in dieser Zeit ihr die Freundschaften, die sie mit so vielen Menschen verbanden, großen Halt gegeben haben. Ganz besonders fühlte sie sich verbunden mit Ihnen, lieber Herr Peter Evans. Es war, wie Sie mir gestern sagten, eine geschwisterliche Beziehung, die zwar erst in späteren Jahren ihre volle Kraft entfaltete, aber das mag die Innigkeit und das gegenseitige Vertrauen nur noch vertieft haben. Ich muß an dieser Stelle auch Karins Patenkind Dietrich Graf von Reischach nennen. Ihm, dem engsten Jugendfreund Christophers, fühlte sie sich innerlich besonders zugetan, ja, er nahm nach Christophers Tod in ihrem Herzen gewissermaßen seine Stelle ein. Über allem war Karin natürlich beseelt von den Gedanken an ihren Sohn Robin. Ihnen, Herr Hoffmann, galt zeitlebens ihre ganze Liebe und Fürsorge.

    Schmerzlich hat es Karin getroffen, daß sie - es werden bald 8 Jahre her sein - ihr geliebtes Haus in Italien am Monte Messmer aufgeben mußte, ein Haus, in dem sie sicher die glücklichsten Stunden ihres Lebens verbracht hat. Auch bedrückte es sie zutiefst, daß es ihr nicht mehr gelungen war, dem hinterlassenen Werk ihres Mannes eine bleibende Heimstatt zu geben. Mehr und mehr machten ihr aber auch das langsame Nachlassen ihrer Kräfte und vor allem der zunehmende Verlust ihrer Sehkraft zu schaffen. So war es ein großes Glück für sie in Herrn Jens Pröse einen Helfer gefunden zu haben, der ihr in den letzten Jahren mit großer Selbstlosigkeit, ja ich möchte schon sagen, aufopfernd, zur Seite gestanden hat. Er hat dies - und dafür gilt ihm unser aller tiefe Dankbarkeit - bis zu Karins letzter Stunde getan.

    Liebe Freunde und Mittrauernde,
    der Kreis eines Lebens hat sich geschlossen. Mit Karin Evans ist eine der Letzten, der noch von Max Reinhardt geprägten, großen deutschen Schauspielergeneration dahingegangen. Lange hat sich Karin gegen den Tod gewehrt. Es war, als wollte sie ihn nicht an sich heranlassen, weil sie mit der ihr im Leben gestellten Aufgabe noch nicht fertig war. Wohl keiner ist unter uns, der nicht immer wieder beeindruckt war, wenn sich bis hin in die letzten Monate trotz aller Gebrechlichkeit ihre starke Stimme am Telefon mit "Da bin ich" meldete. Die Kraft dieser Stimme war aber nicht nur die angelernte Bühnensprache, sie war vielmehr voll und ganz auch der Ausdruck ihrer starken Persönlichkeit, einer Persönlichkeit, die durch ein bewundernswertes Maß an Selbstdisziplin geprägt war. Dies war sicherlich die Grundlage ihres gesamten Lebens; ein Leben, das sie nicht nur in den Zeiten ihrer Blüte mit Beruf und Karriere, sondern weit darüber hinaus mit vielfältigen Interessen und vielen, vielen Freundschaften ausfüllte. Auf ihren Grabstein wollte sie, so sagte sie mir, außer ihrem Namen nur das Wort "Danke" gesetzt wissen. Dieses "Danke" sollte gesagt sein für das ganze ihr geschenkte Leben, für ihre Freunde, die lebenden und die dahingeschiedenen, und ich denke es ist die Stunde, in der auch wir ihr, Karin, an dieser Stelle das Wort "Danke" nachrufen können. Danke für alles, was sie jedem von uns an Hinwendung, Freundschaft und Vorbildlichkeit gegeben hat. Noch kommt es uns vor, als sei sie uns nah wie gestern, aber wir wissen, daß sie sich von nun an mit großen Schritten immer weiter von uns entfernt - uneinholbar zu einer anderen Welt. In unseren Herzen aber wird nicht nur die Erinnerung an sie bleiben, sondern auch irgendwo eine Stelle sein, in der es klingt, als riefe sie uns zu:

    "Da bin ich".


  • Siehe Artikel zum 90. Geburtstag, Berliner Morgenpost 1998

    Gehe zu: Bewohner | KünstlerKolonie | Kultur-Netz

    Programmierung und Design: © Kultur-Netz-Service




































    Sie sind Besucher